Unsere Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Bildung von Bündnis 90/Die Grünen tagte vom 23. bis 24. Oktober 2026 in Weimar. Wir hatten mal wieder ein intensives und breit gefächertes Programm mit schulpolitischen Einblicken vor Ort, aktuellen Berichten aus Bund und Ländern, wissenschaftlichen Beiträgen zur PISA-Studie sowie dem Gutachten zur datengestützten Schulentwicklung der Ständigen wissenschaftlichen Kommission (SWK) der Kultusministerkonferenz (KMK).
Den Auftakt der Tagung am Freitag bildete ein spannender und praxisbezogener Schulbesuch an der Jenaplanschule Weimar, einer staatlichen Gemeinschaftsschule. Als ausgezeichnete Schulpreisträgerschule bot uns Robin Remus als Ansprechpartner spannende Einblicke in das reformpädagogisches Konzept der Jenaplan Schule Weimar am Standort des Schulneubaus an der Hart.







Im Anschluss folgte ein kurzweiliger und Lust auf mehr machender Stadtrundgang durch Weimar, der neben den ästhetischen und historischen Eindrücken vor allem Raum für informellen Austausch und die Erkundung städtebaulicher sowie bildungshistorischer Kontexte bot. Herzlichen Dank an Carsten und Gabi an dieser Stelle, die uns so fachkundig durch die Stadt geführt haben. Es hat alles Teilnehmenden sehr gut gefallen und hat noch mehr Lust auf die schöne Stadt Weimar gemacht.


Die reguläre Tagung startete am Nachmittag. Den inhaltlichen Auftakt bildete ein Grußwort von Ann-Sophie Bohm, Landessprecherin von Bündnis 90/Die Grünen Thüringen. Sie gab umfassende Einblicke in die aktuelle thüringische Bildungspolitik und die Arbeit als außerparlamentarische Opposition und betonte dabei nachdrücklich die Bedeutung verlässlicher politischer Weichenstellungen für eine erfolgreiche Schulentwicklung.



Im Anschluss konnten wir uns mit der Bundestagsfraktion über den aktuellen Stand zum Startchancen- und -Qualitätsentwicklungsgesetz („Kitapakt“/SCQG) austauschen. Dieses Gesetzesvorhaben sind vor allem von Haushaltssparzwängen im Bund gekennzeichnet, weswegen seitens der Länder die zu geringe finanzielle Ausstattung dieser Maßnahme kritisiert wird. Weiter wurde berichtet, dass sowohl die Alphadekade als auch die Lesestart-Initiative auslaufen, die Auswirkungen des Sparhaushalts auf Bundesebene. Wir haben uns zudem über die SGB-VIII-Reform ausgetauscht, welche die Voraussetzungen für strukturelle Teilhabeassistenzen schafft, eine Forderung die von grüner Seite lange erhoben wurde.
Auch über aktuelle Themen der Bildungs- und Kultusministerkonferenz wurde berichtet. So beschäftigen sich die Länder mit der Förderung des Schulsports, den Ergebnissen der PISA-Studie 2025, aktuellen Bildungsstandards, mit dem Grundsatzpapier ‚Alpha 2035‘ sowie mit der Evaluierung der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission.
In diesem Zusammenhang stellte unser neues kooptiertes Mitglied Christine Sälzer die Gründung des Zentrums für empirische Bildungsforschung in Niedersachsen (ZEB) im Rahmen der Initiative ‚zukunft.niedersachsen‘ vor. Ab Herbst 2026 wurden hierfür zwei Professuren geschaffen – eine in Lüneburg, besetzt durch Christine Sälzer, und eine an der Leibniz Universität Hannover mit Denise Demski –, denen drei weitere folgen sollen. Die Präsentation von Christine findet ihr hier.
Der Bericht von Ulike Rüger aus der Fokusgruppe Berufliche Bildung konzentrierte sich auf den aktuellen Planungsstand für die anstehende Tagung zur Qualifizierung von Fachkräften und zur Gestaltung der Transformation im ländlichen Raum. Ziel dieses Vorhabens ist es, aktiv mit Akteuren der beruflichen Bildung ins Gespräch zu kommen, den Austausch über die Grüne Partei hinaus zu intensivieren und Folgerungen für die Politik abzuleiten. Die Fachtagung soll am 12./13. Februar 2027 im Berufsbildungszentrum Schleswig stattfinden.
Ingo List stellte uns sein Projekt der „Wissenslandkarte“ (Präsentation) vor, in die er die Lehrpläne aller 16 Bundesländer implementiert hat. In der Wissenslandkarte können digitale Lernangebote zugeordnet, Lernfortschritte über einen Learning Record Store (LRS) ausgewertet und passgenaue Unterrichtseinheiten sowie Dashboards für Lehrkräfte erstellt werden. Leider war nicht viel Zeit um dieses Instrument zu diskutieren. Spannend ist es auf jeden Fall. Hier könnt ihr Details nachlesen und Euch mit der These von Ingo befassen, warum ein maschinenlesbarer Lehrplan die Voraussetzung für datengestützte Unterrichtsentwicklung sein kann.
Am Freitagnachmittag lieferte Eckard Klieme einen Beitrag zu den Ergebnissen der PISA-Studie 2025. Dabei wies er in seiner Analyse auf Fehlinterpretationen, insbesondere im Bereich sozialer Disparitäten, sowie auf einen teilweise falschen Umgang mit Daten hin, die sich bis zur Bundesbildungsministerin durchgezogen hatten. Er kritisierte in diesem Zuge die sich anschließenden, teils hilflosen Empfehlungen des deutschen Berichts. Gleichzeitig betonte er, dass der Leistungsabfall bei PISA zwar kein exklusiv deutsches Phänomen, sondern ein europäisches und globales Problem sei, der Rückgang in Deutschland jedoch besonders stark ausfällt. Als fundamentale Stellschrauben hob er die Bedeutung des adaptiven Unterrichts hervor und betonte vier Kernprobleme: den Rückgang der fachlichen Lerngelegenheiten, das Fortbestehen des sozialen Elternstatus als starkem Erklärungsfaktor, die positive Wirkung einer erhöhten Unterrichtszeit sowie die Einführung der datengestützten Schulentwicklung als wertvolles Feedbackinstrument.


Der Samstagmorgen hatten wir den Vorsitzenden der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der KMK Prof. Dr. Olaf Köller zu Gast, der zentrale Aspekte des SWK-Gutachtens zur datengestützten Schulentwicklung und -steuerung vorstellte. Seine Präsentation findet ihr hier.
Eine intensive Diskussions- und Fragerunde schloss sich an. In einer Gruppenarbeitsphase erarbeiteten die Teilnehmenden Konsequenzen dieses Instruments für die verschiedenen Ebenen des Bildungssystems. So wurde in Bezug auf Lehrkräfte die Frage aufgeworfen, inwieweit ergänzend zu Leistungsfeststellungen überhaupt noch Noten benötigt würden. Betont wurde hierbei die Frage der Rechtssicherheit. Einig waren sich die Delegierten, dass im Mittelpunkt in jedem Fall der Lernfortschritt der Schülerinnen und Schüler bleiben muss. Das Instrument an Sich darf kein Selbstzweck sein. Auf die Schulebene muss es darum gehen, die Wirksamkeit des Instruments zu vermitteln, Koordinierungsstrukturen aufzubauen und datensichere, kostenfreie Tools bereitzustellen. Auch die Landesinstitute haben eine wichtige Funktion in diesem Kontext. Sie sollen Schulen unterstützen, die Didaktik in den Vordergrund stellen und ihre Aufgaben als wichtige Schnittstellen wahrnehmen. Auf administrativer Ebene seitens Schulaufsicht und Ministerium gilt es, die nötigen Infrastrukturen bereitzustellen, Stakeholder frühzeitig zur Akzeptanzsicherung einzubeziehen, Ressourcen bedarfsgerechter zu steuern und die Transparenz über Schulleistungen auch für Eltern, Schüler und Externe zu erhöhen. Die BAG beschloss ein eigenes Positionspapier zu diesem Thema zu erstellen. Dazu erfolgt eine Einladung zu einem Zoom-Call.






In Kleingruppen wurde nach dem Mittagessen über die Zusammenarbeit zwischen der Bundesarbeitsgemeinschaft und den Landesarbeitsgemeinschaften (LAG) beraten. Im Fokus standen dabei die Fragen, wie Ergebnisse der BAG in den LAGen besser aufgegriffen werden können, wie sich die Zusammenarbeit mit Bundestagsfraktion und den LAGen fruchtbarer gestalten lässt und welche konkreten Anforderungen an BAG-Delegierte gestellt werden.



Natürlich befassten wir uns auch wieder mit Länderberichten. Sie geben Einblicke in die aktuelle politische Lage. Christin Melcher berichtete online von den Koalitionsverhandlungen in Mecklenburg-Vorpommern. Von Grüner Seite wurden hierbei wichtige inhaltliche Punkte eingebracht, wie z.B. die datengestützte Schulentwicklung, eine MINT-Strategie und das Leseband . Die Delegierten aus Berlin berichteten vom Stand nach den Sondierungen für eine rot-grün-rote Koalition. Vermisst werden in Berlin mit Blick auf bisherigen Verhandlungsstand insbesondere klare Aussagen und Standards zur Schulqualität. Aus dem Saarland wurde über das Bildungsprogramm im Landtagswahlprogramm für den angestrebten Wiedereinzug in den Landtag berichtet. Aus Nordrhein-Westfalen wurde ein fundiertes Thesenpapier zur Bildungssteuerung vorgestellt
Zum Abschluss der Tagung verständigte sich die BAG auf ihren nächsten Sitzungstermin, der für den 12. und 13. März 2026 in Berlin stattfinden wird. Als ein Schwerpunktthema wurde hierfür unter anderem das Thema „Schulisches Wohlbefinden und mentale Gesundheit“ beschlossen.